30.12.2025 (pm): Fehlplanung und unnötige Zumutungen belasten hessische Steuerbeamten-Ausbildung

PRESSE – MITTEILUNG

der Deutschen Steuer-Gewerkschaft (DSTG)

Gelnhausen, 30. Dezember 2025

Fehlplanung und unnötige Zumutungen belasten hessische Steuerbeamten-Ausbildung

 

DSTG-Jugend und DSTG-Landesverband kritisieren massiven Mangel an Unterkunfts- und Unterrichtskapazitäten sowie den Umgang mit den Mitarbeitenden – Anwärter, Dozent und Küchenpersonal allesamt massiv betroffen

Die DSTG Hessen und ihre Jugendgremien zeigen sich zutiefst besorgt über die zukünftigen Zustände an den hessischen Bildungseinrichtungen der Finanzverwaltung. Auszubildende, Studierende und das Personal am Studienstandort werden in erheblichem Maße mit organisatorischen Fehlplanungen, übermäßigen Fahrtbelastungen und unzureichenden Unterbringungs- und Unterrichtsmöglichkeiten konfrontiert.

Soll die „Herzkammer“ der Hessischen Finanzverwaltung mit seinen Bildungsstätten in Rotenburg a.d. Fulda systematisch zerschlagen werden, fragt man sich unweigerlich!?

Unterrichtsdefizite in Frankfurt: 129 Personen – nur 83 Freiwillige

Für den Unterricht in Frankfurt müssen aktuell 129 Personen eingeplant werden. Gleichzeitig haben sich lediglich 83 Beschäftigte freiwillig für diesen Standort gemeldet. Das bedeutet: 46 junge Kolleginnen und Kollegen sollen zwangsverpflichtet werden, obwohl viele von ihnen weder den Standort wünschen noch die damit verbundenen Reisezeiten und Mehrbelastungen tragen können.

Es gibt bereits konkrete Fälle, in denen Nachwuchskräfte täglich oder mehrmals pro Woche von weit entfernten Regionen nach Frankfurt pendeln müssen – teils mit sehr langen, teuren und zeitintensiven Wegen. Ökologische Aspekte scheinen ebenfalls keine Rolle zu spielen.
Die Entscheider gehen anscheinend über die Anliegen der jungen Menschen hinweg.

Rotenburg a.d. Fulda: Pendelwege bis zu 50 km – trotz angeblichem Campus-Ausbau

Auch am Standort Rotenburg zeigt sich ein alarmierender Zustand: Trotz der vollmundigen politischen Ankündigung eines neuen Campus und der Erweiterung des Standorts stehen inzwischen nicht mehr genügend Betten zur Verfügung, um alle Anwärterinnen, Anwärter und Studierenden aufzunehmen.

Statt der erwarteten Entlastung führt die Situation nun dazu, dass Betroffene bis zu 50 Kilometer einfache Strecke pendeln müssen – sowohl per ÖPNV als auch mit dem eigenen Pkw. Für viele bedeutet dies tägliche Zusatzbelastungen, die in einer anspruchsvollen, ohnehin verdichteten Ausbildungssituation kaum vertretbar sind.

Die Geschäftsgrundlage wird seitens des Arbeitgebers durch dessen Managementdefizite für die Studierenden und Auszubildenden einseitig aufgekündigt. Ein toller Arbeitgeber, der begründet „die jungen Leute sollen sich nicht so anstellen. 50 Kilometer seien zumutbar“. Die DSTG-Jugend meint, man hat gut reden, wenn die Entscheider den Dienstwagen des Landes Hessen nutzen und keine Aufwendungen haben.

Fehlplanung im und nach Projekt 800

DSTG Hessen und DSTG-Jugend erinnern daran, dass die hessische Finanzverwaltung in den vergangenen Jahren im Rahmen des „Projekt 800“ mehr Nachwuchskräfte eingestellt hat als je zuvor. Dass es nun – trotz jahrelanger Vorlaufzeit – zu einem solchen Kapazitätschaos und zu einer Abkehr der erfolgreichen Internats-Ausbildung kommt, bezeichnet die Jugendorganisation als eindeutige strukturelle Fehlplanung – ein noch nie da gewesenes Missmanagement und eine Meinungsdiktatur, die seinesgleichen sucht.

Das Ganze gipfelt darin, dass:

  • der Campus Rotenburg, der eigentlich zentrale Kapazitäten schaffen sollte, nun wieder abgemietet wird,
  • ein zweites Gebäude in Rotenburg neu gebaut wird, obwohl akute Engpässe bereits jetzt bestehen,
  • zugleich das „Schloss“ und der Parkbau sowie andere Standorte einfach abgegeben werden, die vorher noch renoviert und ausbildungsgerecht mit Steuermitteln ertüchtigt wurden.

Schloss und Parkbau werden nicht veräußert, sie werden an das Wirtschaftsministerium abgegeben. Oh, haben alle nicht aufgepasst? Gehören nicht beide Geschäftsbereiche zum Land Hessen? Betreffen die Folgekosten nicht den gleichen Landeshaushalt oder spielt es am Ende nur eine Rolle in welchem Einzelplan die Kosten dargestellt werden?
Sind das Taschenspielertricks oder ist das Ganze nur als grotesk zu bezeichnen?

„Schlüssig ist das alles jedenfalls nicht“, so die Steuergewerkschafter – die sich seit jeher um die Anliegen der Ausbildung, der Auszubildenden und der Ausbilder einsetzen.

Das Ganze mutet an, wie ein weiteres LEO-Grab, die Fehlplanungen sind ganz offenkundig. Die Verantwortlichen sollten dafür die Verantwortung übernehmen.

„Maximale Belastung – minimale Fürsorge“

Die DSTG-Jugend und der DSTG Landesvorstand kritisieren, dass der Arbeitgeber seiner Fürsorgepflicht gegenüber jungen und auch älteren Beschäftigten nicht gerecht wird.

Viele Nachwuchskräfte befinden sich in einer intensiven, anspruchsvollen Ausbildung oder einem fordernden Studium. Anstatt sie zu unterstützen, werden sie:

  • mit unnötigen Pendelwegen,
  • fehlenden Unterkünften,
  • Zwangszuweisungen,
  • und einer allgemein chaotischen Organisation konfrontiert.

Und in die Situation fügt sich auch ein, dass mit den Beschäftigten in den Bildungseinrichtungen ebenso umgegangen wird. Gleich, ob Dozent, Küchenbeschäftigte oder Verwaltungsmitarbeiter überall herrscht Unsicherheit. Der Satz „der Mensch hat seine Schuldigkeit getan, der Mensch kann gehen“ macht die Runde.

Diese Situation ist – so die DSTG-Jugend – „sozial bedenklich, organisatorisch unhaltbar und fachlich kontraproduktiv“.

Der DSTG-Landesvorstand: „Das Durchregieren über die Köpfe aller Beteiligten hinweg muss ein Ende nehmen. Über Hilferufe wird einfach hinweg gegangen. Die Menschen interessieren scheinbar nicht.“

Fernlehre ist keine Alternative – weder pädagogisch noch organisatorisch vertretbar

Die DSTG-Jugend stellt klar, dass eine Ausweitung der Fernlehre – wie sie teilweise als „Alternative“ zu den Unterkunftsengpässen ins Spiel gebracht wurde – keine Lösung darstellt. Das haben die „Corona-Lehrgänge“ schon bemängelt. Fernunterricht über mehrere Wochen oder gar Monate hinweg führt nachweislich zu:

  • erheblichen Qualitätsverlusten im Lern- und Ausbildungserfolg,
  • einer deutlichen Abnahme der Interaktion zwischen Dozierenden und Lernenden,
  • Isolation statt gemeinschaftlichem Lernen,
  • und einer zusätzlichen psychischen Belastung für die jungen Kolleginnen und Kollegen.

Die Ausbildung und das Studium in der hessischen Finanzverwaltung sind anspruchsvoll und inhaltlich dicht. Sie leben von direkter Rückmeldung, strukturierter Betreuung und der engen Anbindung an die Dozierenden. Diese Anforderungen lassen sich nicht über einen langen Zeitraum digital auffangen.

Die DSTG-Jugend lehnt daher eine langfristige Fernlehre als Notlösung ausdrücklich ab.

Forderung der DSTG-Jugend und der DSTG Hessen an die Entscheider im Hessischen Finanzministerium:

  • die sofortige Nachsteuerung der Unterrichts- und Unterkunftskapazitäten an allen Standorten
  • keine Zwangsverpflichtungen, solange keine faire und transparente Lösung vorliegt
  • echte Planungssicherheit für Studierende, Auszubildende und alle Beschäftigten an den Bildungsstandorten
  • die Umsetzung eines nachhaltigen Standort- und Unterbringungskonzepts, das mehr ist als kurzfristiges Reagieren
  • eine frühzeitige und tatsächliche Einbindung und Beteiligung (Möglichkeit der vernünftigen Einflussnahme) aller Interessenvertretungen in die Entscheidungsprozesse
  • ein Ende des „Beschlossen und Verkündet“ –Anwendung klaren Menschenverstandes.

Dozentinnen und Dozenten: Politisch gewollte Unsicherheit statt verlässlicher Ausbildung

Während politisch von Qualität, Attraktivität des öffentlichen Dienstes und Fachkräftesicherung gesprochen wird, erleben die Dozentinnen und Dozenten in der hessischen Steuerbeamtenausbildung derzeit das genaue Gegenteil: systematische Unsicherheit, fehlende Transparenz und politisches Wegducken vor Verantwortung.

Seit Monaten ist bekannt, dass der Lehrkräftebedarf sinken soll. Dennoch gibt es bis heute keine klaren Aussagen dazu,

  • wie viele Dozentinnen und Dozenten künftig tatsächlich benötigt werden,
  • nach welchen Kriterien über den Verbleib oder die Beendigung von Abordnungen entschieden wird,
  • und welche Perspektive Lehrkräfte auf fest eingerichteten Dienstposten überhaupt noch haben.

Ein erheblicher Teil der fachtheoretischen Ausbildung wird von abgeordneten Lehrkräften getragen, die über Jahre hinweg verlässlich ausgebildet haben – oft weit über das hinaus, was dienstlich erforderlich gewesen wäre. Diese Kolleginnen und Kollegen werden nun mit Schweigen abgespeist. Ist das Zufall oder verwaltungspolitisch gewollte Unsicherheit?

Die DSTG-Jugend und die DSTG Hessen sehen darin ein fatales Signal:
Wer seine Dozentinnen und Dozenten im Unklaren lässt, riskiert bewusst den Verlust von Erfahrung, Kontinuität und Ausbildungsqualität. Ausbildungspolitik nach dem Prinzip „erst abbauen, dann erklären“ ist verantwortungslos – und am Ende zahlen die Nachwuchskräfte den Preis.

Wir fragen: Wie viele Lehrkräfte werden für die Ausbildung und die Fortbildung künftig benötigt?
Wann wird das Lehrkräfte-Konzept mit den Mitarbeitervertretungen beraten?
Wann endet die Geheimniskrämerei?

Küchen- und Servicepersonal: Unverzichtbar für den Betrieb – aber politisch unsichtbar

Besonders deutlich wird das strukturelle Versagen im Umgang mit dem Küchen- und Servicepersonal. Obwohl das Schloss künftig als Ausbildungsstätte des Wirtschaftsministeriums genutzt werden soll, verweigert die Politik bislang jede verbindliche Aussage dazu, ob und in welchem Umfang die Küche weiter betrieben wird, wie viele Anwärterinnen, Anwärter oder Fortbildungsteilnehmende versorgt werden sollen, und wie viele der derzeit beschäftigten Küchenkräfte tatsächlich benötigt werden.

Hier geht es nicht um abstrakte Planstellen, sondern um Menschen, die den Ausbildungsbetrieb über Jahre hinweg HOCH gehalten haben – oft unter schwierigen Bedingungen, oft mit großem persönlichem Einsatz.

Dass man diese Kolleginnen und Kollegen nun über Monate hinweg in Unsicherheit lässt, ist kein Versehen, sondern Ausdruck einer politischen Haltung: Personal wird offenbar nur als Kostenfaktor gesehen, nicht als unverzichtbarer Teil funktionierender Ausbildung.

Die DSTG-Jugend sagt klar:
Ein Ausbildungsstandort ohne verlässliche Infrastruktur und ohne respektvollen Umgang mit den Beschäftigten ist kein Zukunftsmodell, sondern ein politisch verursachter Rückschritt.

Haushaltsgesetzgeber in der Verantwortung: Einsparungen gefährden eines der besten Studienzentren Deutschlands

Mit dem Studienzentrum verfügt Hessen über einen der besten und leistungsfähigsten Ausbildungsstandorte der Steuerverwaltung in Deutschland. Die internatsgestützte Ausbildung, die hohe fachliche Qualität, die enge Verzahnung von Theorie und Praxis sowie die langjährige Erfahrung der Dozentinnen und Dozenten haben diesen Standort zu einem bundesweit anerkannten Erfolgsmodell gemacht.

Statt dieses Niveau konsequent zu sichern und weiterzuentwickeln, entsteht derzeit der Eindruck, dass ein funktionierendes System aus haushaltspolitischen Gründen schrittweise zurückgebaut-zerschlagen werden soll und der Campus Frankfurt hoffähiger gemacht werden soll.

Bewährte Gebäude und Strukturen werden aufgegeben, Ausbildungskapazitäten reduziert und tragende Elemente der Ausbildung infrage gestellt – ohne dass ein gleichwertiges Gesamtkonzept erkennbar ist.

Die DSTG Hessen und die DSTG-Jugend stellen klar:
Diese Entwicklung ist keine Frage einzelner Verwaltungsentscheidungen, sondern die Folge politischer Prioritätensetzungen durch den Haushaltsgesetzgeber.

Wer an der Ausbildung spart, spart nicht an Luxus, sondern an der Grundlage einer leistungsfähigen Steuerverwaltung. Ohne Ausbildung auf Top-Niveau kann eine moderne, gerechte und durchsetzungsfähige Steuerverwaltung nicht bestehen. Die Konsequenzen tragen am Ende nicht nur die Beschäftigten, sondern die gesamte Gesellschaft – sinkende Qualität, geringere Umsetzungskraft, letztlich Einbußen bei Steuergerechtigkeit und Steuereinnahmen.

DSTG-Jugend und DSTG Hessen fordern den Haushaltsgesetzgeber daher unmissverständlich auf, seiner Verantwortung gerecht zu werden:
Das Studienzentrum ist kein Kostenfaktor, sondern eine zentrale Investition in den Rechtsstaat und die finanzielle Handlungsfähigkeit Hessens.